Autor: Kristina Lemke

  • Aus dem Kinderbuchladen Zürich

    Würde ich auf eine einsame Insel versetzt und dürfte aus zwei Berufsgruppen je eine Person mitnehmen – ich müsste nicht lange nachdenken: eine Hebamme und eine Buchhändlerin/einen Buchhändler. Ich würde die Nerven verlieren, die Hebamme würde sie behalten und die Buchhändlerin/der Buchhändler würde uns dann eine Geschichte erzählen.

    Zufällig will ich heute aber nicht stranden – dafür aber viel erfahren. Und zwar über Eltern und deren Bucheinkaufsverhalten, über Glitzerbücher, Ästhetik versus Masse und den heutigen Bilderbuchmarkt. Wie gut, dass es Buchhändler gibt, mit denen man nicht nur sehr gut auf einer einsamen Insel festsitzen kann – sondern die auch noch sehr viel wissen: über Bücher, Leser, Eltern, Kinder und das Leben im Allgemeinen. Und so mache ich mich auf den Weg ins Zürcher Niederdorf, wo man den Kinderbuchladen findet. Hier wartet schon Marion Arnold, die sich dankenswerter Weise Zeit genommen hat. Beim Gespräch ebenfalls teilnehmend ist meine kleine Tochter Magali, die zwar im Kinderwagen liegt und schlafen soll, stattdessen aber die gelbe Denkermütze aufgesetzt hat und lautstark miterzählt.

    Gibt es eigentlich schlechte Bücher, will ich von Frau Arnold wissen. Ich meine: die Buchhandlungen sind voll – da liegt ja der Verdacht nahe, dass schon auch ziemlicher Käse dabeisein wird. Nein, antwortet mir Frau Arnold, schlechte Bücher gäbe es nicht. Aber Bücher, die weniger nachhaltig sind als andere. Ich denke an die pink glitzernden Pinzessinnen-Bücher, die meine Tochter immer so begeistert beäugt und gegen die ich mich mit ganzem Körpereinsatz wehre. Solche Bücher, erklärt sie mir, würden sich die Kinder gerne mal aussuchen, sogar durchaus auch zu Recht – die würden dann nach mehrmaligem Anschauen aber oft genauso leise wieder verschwinden. Nachhaltige Bücher hingegen würden zu Freunden werden, die einen über lange Zeit begleiten. Das mache aber die weniger nachhaltigen Bücher noch lange nicht zu schlechten Büchern. Eine eigene Ästhetik und einen eigenen Geschmack lernt man schließlich dadurch, dass man Dinge ausprobiert und Erfahrungen sammelt. Selbst solche mit viel Glitzer!

    Ob denn oft die Kinder selbst ihre Bücher aussuchen, frage ich. Nein, meint Frau Arnold, meistens sind es schon die Eltern. Und die würden die Kaufentscheidung auch in der Regel alleine treffen. Beratungen gebe es zwar schon – das seien dann aber eher die Großeltern oder Erzieher, die das Gespräch suchen würden. Eigentlich schade, finde ich. Lässt man sich auf Empfehlungen ein, dann trifft man bestimmt oft auch auf Bilder, Themen oder Geschichten, die man sich für das eigene Kind nicht ausgesucht hätte. Wahrscheinlich trauen wir unseren Kindern auch zu wenig zu, was Ästhetik, Themenvielfalt und auch Komplexität anbelangt – gerade, weil wir sie so gut kennen und meinen zu wissen, was ihnen gefällt oder (besonders perfide!) was doch mal schön/wertvoll/fördernd/fordernd/ansprechend für sein könnte.

    Wie ist das denn mit dem Vorlesen an sich, will ich wissen. Gibt es Eltern, die sich Anregungen zum Vorlesen holen? Wie man mal anders vorlesen könnte, zum Beispiel. Das komme eigentlich nicht vor, meint Frau Arnold und erzählt mir, dass sie sich sicher sei, dass die Bücher, die den Laden verlassen, auch daheim gemeinsam gelesen werden würden. Schwieriger sei es bei den Leuten, die gar nicht erst in den Kinderbuchladen hereinkämen: Schwellenangst.

    Sie würde das bei Angeboten rund ums Vorlesen merken, sobald man sie aus den Buchhandlungen raus- und mehr in die Lebensrealität vieler Familien hereinholt. Gemeinschaftszentren, Schulhäuser – bei Veranstaltungen an diesen Orten sei das Interesse bei Bildungsangeboten zum Thema Vorlesen sehr groß und viele Eltern motiviert, Inspirationen mitzunehmen und auch umzusetzen.

    Ich denke nochmal über die Schwellenangst nach und darüber, dass es nicht ohne ist, in eine Buchhandlung hineinzugehen. Das Angebot ist immens. Hat man selber nun keinen Bezug zu Büchern ist es praktisch unmöglich, sich zu orientieren. Und ich persönlich finde es mutig, wenn man sich dann an eine Fachkraft wendet und sagt: Ich kenne mich nicht aus, brauche Hilfe. Zeigen Sie mir doch mal was!

    Wir wollen ja immer Experten sein, wenn es um unsere

    Kinder geht. Und dabei auch möglichst keine Schwächen zugeben.

    Wie sie denn mit diesem riesigen Angebot umgehe, frage ich Frau Arnold. Das Angebot sei riesig, bestätigt sie. Der Markt würde von Trendthemen dominiert, die dann alle Verlage in unterschiedlichen Qualitäten mitmachen. Interessanterweise würde das dazu führen, dass manche Themen zeitweise fast völlig verschwinden, obwohl es die Nachfrage geben würde. Was so ein Trendthema derzeit sei, will ich wissen. Bienen, antwortet sie mir und wir müssen beide lachen. Das Trend-auslösende Bienen-Buch liegt nämlich bei mir daheim auf dem Buchstapel neben dem Sofa und keiner will es anschauen – außer mir. Und ich will es anschauen, weil ich will, dass meine Kinder es endlich toll finden. So können Trends im Markt eben auch entstehen.

    Wie das denn mit Masse versus Qualität im derzeitigen Markt sei? Frau Arnold erzählt, dass gerade in den letzten zwei Jahren einige neue Verlage auf den Markt getreten seien, die sehr hochwertige und ästhetisch anspruchsvolle Bücher publizieren. Kleine Gestalten nennt sie als Beispiel und den Laurence King Verlag. Sie stelle fest, dass es eigentlich immer mehr die weniger nachhaltigen Bücher seien, die sich schwertun. Und mehr Eltern das anspruchsvolle Bilderbuch entdecken und fördern würden. Ob manche davon zu Bienen-Phänomenen werden, wissen wir beide nicht.

    Vielen Dank an Marion Arnold vom Kinderbuchladen im Niederdorf/Zürich – für das schöne Gespräch, ihre Zeit und dafür, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt vom lautstark diskutierenden Säugling mit der gelben Denkermütze hat stören lassen.

    Edda Eckhardt

  • The Secrets of the Stars

    Von Edda Eckhardt

    Wir Eltern einigen uns naturgemäß ja nur auf wenig: Entwicklungsstufen, Impfungen, Schuhe mit Einlagen, Privatschulen und Erdnüssen – alles so Sachen, über die man sich lange streiten kann und jeder das Patentrezept kennt. Über das Vorlesen streiten wir uns allerdings nicht, denn die Vorzüge sind gemeinhin bekannt. Wer vorliest, schafft seinen Kindern eine Basis für so ziemlich alles, trägt zum akademischen Erfolg bei, verbringt „quality time“ mit ihnen und kommt auch noch sehr elegant drum herum, in dieser Zeit so tun zu müssen, als sei man ein Pferd oder das Baby. Ein echter Gewinn für alle Seiten!

    Was aber ist es, das das Vorlesen so wertvoll macht? Und zwar nicht nur für unsere Kinder, sondern vor allem für uns als Eltern, Großeltern, Erzieher. Ich behaupte, dass der wirkliche Wert und Zauber darin liegt, dass wir gemeinsam mit den uns anvertrauten Kindern in ferne Welten reisen, Abenteuer erleben und uns auf Ebenen begegnen, die frei sind von Machtkämpfen und dem ganzen alltäglichen Zwist. Dass wir uns als Menschen gegenüberstehen, auf Augenhöhe und Gefühle, Ängste, Lust gleichviel wiegen. Die Magie des Lesens resultiert aus der Gemeinsamkeit. Und wer die Buchstaben decodiert, ist doch schlussendlich egal.

    Spricht man mit denen, die regelmäßig und sehr reflektiert gemeinsam mit Kindern lesen, dann stellt man fest, dass die Begegnung mit- und über einem Text weit über das eigentliche Lesen hinausgeht. Bei den Buchpaten ist es das Dialogische Lesen, das Kinder aus passiven Zuhörern in Piloten von fliegenden Geschichten-Teppichen verwandelt. Das Buch wird hierbei als Ausgangspunkt eines Dialogs zwischen Erwachsenen und Kindern genommen und schafft Anregungen, Ansporn und Anlass für Gespräche.

    Das Kinderliteraturhaus LesArt in Berlin arbeitet stark mit dem sinnlichen Umgang mit Texten und konzipiert Lesungskonzepte, bei denen mitunter nicht ein einziges Wort vorgelesen wird .. die Kinder aber hinterher gesamte Bücher erlebt haben.

    Wir als ratio-getriebene Große verlassen uns zu stark darauf, dass es schon reichen werde, wenn wir uns hinsetzen und lesen. Dabei verpassen wir dabei eigentlich das Beste: Wenn aus Zuhörern Akteure werden, wenn sich passiv in aktiv verwandelt und wir in die Herzen, Seelen, Träume und Ängste von Kindern eintreten dürfen.

    Nun muss man sich nicht gleich auf einem Besenstiel sitzend von der heimischen Couch stürzen, um den Zauber der Harry Potter-Bücher zu vermitteln. Aber man kann sich überlegen, wie Bertie Botts Popel-Bohnen eigentlich wirklich schmecken. Und was man selber gerne aus dem Sprechenden Hut ziehen möchte.

    Texte sind immer Tore und ausnahmslos führen sie einen irgendwohin. Sie sind der Ausgangspunkt einer Reise – aber nicht zwingend auch der Schlußpunkt.

    „We owe it to each other to tell stories.“ schreibt Neil Gaiman, ein wunderbarer Geschichtenerzähler. Geben wir doch den Büchern Raum, ihren Zauber ganz entfalten zu können – und uns, ihm gemeinsam zu erliegen.

     

    Für zwölf Wochen sind Irina und Edda von der Textagentur Kessler & Eckhardt zu Gast bei den Buchpaten. Beide texten, lektorieren und bloggen was das Zeug hält unter: www.abenteuerspielplatz.agency.

  • [:de] „Der Mann mit dem Regenschirm im Kopf“  Von der wunderbaren, wilden Welt im Bilderbuch [:]

    [:de] „Der Mann mit dem Regenschirm im Kopf“ Von der wunderbaren, wilden Welt im Bilderbuch [:]

    [:de]Der Mann mit dem Regenschirm im Kopf

    Von Edda Eckhardt

    Jeder kennt das: Es gibt Bücher, die liest man liebend gerne gemeinsam mit den Kindern und es gibt solche, die liest man eben. Und dann gibt es die, die man richtig gerne liest und feststellt, dass die Kinder ganz andere Sachen so echt richtig wirklich toll finden als man selbst. Macht ja nichts, denkt sich der aufgeklärte Erwachsene, Bücher funktionieren auf verschiedenen Ebenen und lächelt dabei weise. Dann merkt man aber, dass diese andere Ebene durchaus bei manchen Büchern auch etwas mit deren Abgründigkeit zu tun hat. Und ich als vermeintlich liberale Mutter erstmal leerschlucken musss.

     

    Aber vielleicht von Anfang an: Es gibt bei uns zuhause Bücher, die mit geradezu fanatischer Hartnäckigkeit immer wieder zum Lesen angeschleppt werden. Die Bilderbücher von Tomi Ungerer, Maurice Sendak, Jean de Brunhoff, F.K. Waechter – ich kann „Das Biest des Monsieur Racine“ vorlesen, selbst wenn man mich an den Füßen hängend vom Eiffelturm schleudern sollte. Dasselbe gilt für „Wo die wilden Kerle wohnen“, „Da bin ich“, „In der Nachtküche“ und vor allem für „Die Abenteuer der Riesenbirne“. Bücher, die wir wieder und wieder anschaffen müssen, weil sie zerschlissen werden und irgendwann beim Anschauen auseinanderfallen. Schaut man sich diese Bücher gemeinsam mit meinen Kindern an, wird allerdings schnell klar, dass es nicht die Ästhetik der Bilder ist, die spannende Farbgebung, die skurrile Geschichte, die begeistern. Das alles sind mehr oder weniger meine Gründe, warum ich nicht müde werde, die Bücher zu zeigen. Die Gründe meiner Kinder sind andere.

    Schauen wir uns zum Beispiel „Das Biest“ an, warten sie sehnsüchtig auf die Seiten, wo die beiden Kinder aus der faltigen Haut des Biestes kriechen. Schon allein, dass sich das Biest häutet und Kinder kriechen raus, löst bei uns begeistertes Gemurmel unter den Zuhörern aus. Und dann geht es los: Im Saal der Universität, wo das Biest präsentiert wird, bricht Tumult aus. Ein Mann reißt einer Frau die Perücke vom Kopf, einer anderen Frau steckt ein Füllfederhalter in der Nase und Tinte rinnt ihr übers Gesicht, da werden Kleider runtergerissen und blanke Brüste verdeckt, Fäuste fliegen, der Vorhang steht in Flammen – Saalschlacht. Dann kommt die Doppelseite, auf die sich alle freuen: die Straßenschlacht. Da stecken Passanten einander den Arm bis zum Anschlag in den Rachen, Gesichter sind verzerrt, die Perspektive des Bildes kippt genauso wie Autos, die Straßenbahn und das Bewusstsein vieler Passanten. Ein Mann beschwert sich bei der Polizei, denn ihm steckt ein Regenschirm im Kopf – der Polizist zeigt ihm daraufhin seinen Armstumpf. Meine Kinder sind hellauf begeistert. Ich bin befremdet und frage mich, ob all meine pazifistischen Erziehungsversuche denn umsonst waren. Erziehe ich hier vielleicht die nächste Generation von Soziopathen und werden meine Kinder irgendwann johlend mit Eishockeymasken über dem Gesicht das Elternhaus anzünden. Wahrscheinlich eher nicht. Was also ist passiert?

     

    Geschichten haben über eine lange Zeit allen Menschen gehört: Großen und Kleinen. Irgendwann aber fanden die Großen, dass man den Kleinen doch nicht so viel zumuten solle. Geschichten müssten kindgerecht sein und einen Weltausschnitt abbilden, den man auch verarbeiten könne. Bis zum Hoppelhäschen war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Glücklicherweise hat sich auch diese Entwicklung mit der Zeit wieder relativiert und es wurden Forderungen laut, man möge der Realität wieder Raum geben – auch und gerade im Kinderbuch. Heute leben das Hoppelhäschen und der Mann mit dem Regenschirm im Kopf in friedlicher Koexistenz. Und trotzdem verstört uns als Erwachsene die aufgeregte Lust unserer Kinder an Bildern, bei denen detailliert hinzuschauen wir uns selber manchmal zwingen müssen. Oder deren ästhetische Wucht selbst uns noch die Gänsehaut den Arm hochkriechen lässt. Das ist schade! Schauen wir hin, fragen wir unsere Kinder danach – oder lassen sie in ihrer aufgeregten Lust ganz bei sich. Beides ist in Ordnung. Ich würde mir für meine Kinder ganz viel Hoppelhäschen wünschen und weiß doch, dass das so nicht klappt. Sie hauen drauf und stecken ein, sie finden es toll, wenn man sich mal gegen jemanden zusammenschließen können, sind fies und spüren dann Macht, sie sind einsam. Manchmal bricht es ihnen das Herz, so dass sie tagelang nicht essen können. Und manchmal ist die Welt so wild und groß und wunderbar, dass man nur noch laut schreien kann.

     

    Autoren wie Ungerer, Sendak, Waechter und vielen anderen gehört mein Herz – denn sie haben Räume geschaffen, in die meine Kinder gehen können, um all diese Gefühle abzuladen. Wohlbehütet vor meinem elterlichen Zugriff.

     

     

    Für zwölf Wochen sind Irina und Edda von der Textagentur Kessler & Eckhardt zu Gast bei den Buchpaten. Beide texten, lektorieren und bloggen was das Zeug hält unter: www.abenteuerspielplatz.agency.

     [:]

  • [:de]Der Mann mit dem Regenschirm im Kopf[:]

    [:de]

    Jeder kennt das: Es gibt Bücher, die liest man liebend gerne gemeinsam mit den Kindern und es gibt solche, die liest man eben. Und dann gibt es die, die man richtig gerne liest und feststellt, dass die Kinder ganz andere Sachen so echt richtig wirklich toll finden als man selbst. Macht ja nichts, denkt sich der aufgeklärte Erwachsene, Bücher funktionieren auf verschiedenen Ebenen und lächelt dabei weise. Dann merkt man aber, dass diese andere Ebene durchaus bei manchen Büchern auch etwas mit deren Abgründigkeit zu tun hat. Und ich als vermeintlich liberale Mutter erstmal leerschlucken musss.

    Aber vielleicht von Anfang an: Es gibt bei uns zuhause Bücher, die mit geradezu fanatischer Hartnäckigkeit immer wieder zum Lesen angeschleppt werden. Die Bilderbücher von Tomi Ungerer, Maurice Sendak, Jean de Brunhoff, F.K. Waechter – ich kann „Das Biest des Monsieur Racine“ vorlesen, selbst wenn man mich an den Füßen hängend vom Eiffelturm schleudern sollte. Dasselbe gilt für „Wo die wilden Kerle wohnen“, „Da bin ich“, „In der Nachtküche“ und vor allem für „Die Abenteuer der Riesenbirne“. Bücher, die wir wieder und wieder anschaffen müssen, weil sie zerschlissen werden und irgendwann beim Anschauen auseinanderfallen. Schaut man sich diese Bücher gemeinsam mit meinen Kindern an, wird allerdings schnell klar, dass es nicht die Ästhetik der Bilder ist, die spannende Farbgebung, die skurrile Geschichte, die begeistern. Das alles sind mehr oder weniger meine Gründe, warum ich nicht müde werde, die Bücher zu zeigen. Die Gründe meiner Kinder sind andere.

    Schauen wir uns zum Beispiel „Das Biest“ an, warten sie sehnsüchtig auf die Seiten, wo die beiden Kinder aus der faltigen Haut des Biestes kriechen. Schon allein, dass sich das Biest häutet und Kinder kriechen raus, löst bei uns begeistertes Gemurmel unter den Zuhörern aus. Und dann geht es los: Im Saal der Universität, wo das Biest präsentiert wird, bricht Tumult aus. Ein Mann reißt einer Frau die Perücke vom Kopf, einer anderen Frau steckt ein Füllfederhalter in der Nase und Tinte rinnt ihr übers Gesicht, da werden Kleider runtergerissen und blanke Brüste verdeckt, Fäuste fliegen, der Vorhang steht in Flammen – Saalschlacht. Dann kommt die Doppelseite, auf die sich alle freuen: die Straßenschlacht. Da stecken Passanten einander den Arm bis zum Anschlag in den Rachen, Gesichter sind verzerrt, die Perspektive des Bildes kippt genauso wie Autos, die Straßenbahn und das Bewusstsein vieler Passanten. Ein Mann beschwert sich bei der Polizei, denn ihm steckt ein Regenschirm im Kopf – der Polizist zeigt ihm daraufhin seinen Armstumpf. Meine Kinder sind hellauf begeistert. Ich bin befremdet und frage mich, ob all meine pazifistischen Erziehungsversuche denn umsonst waren. Erziehe ich hier vielleicht die nächste Generation von Soziopathen und werden meine Kinder irgendwann johlend mit Eishockeymasken über dem Gesicht das Elternhaus anzünden. Wahrscheinlich eher nicht. Was also ist passiert?

    Geschichten haben über eine lange Zeit allen Menschen gehört: Großen und Kleinen. Irgendwann aber fanden die Großen, dass man den Kleinen doch nicht so viel zumuten solle. Geschichten müssten kindgerecht sein und einen Weltausschnitt abbilden, den man auch verarbeiten könne. Bis zum Hoppelhäschen war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Glücklicherweise hat sich auch diese Entwicklung mit der Zeit wieder relativiert und es wurden Forderungen laut, man möge der Realität wieder Raum geben – auch und gerade im Kinderbuch. Heute leben das Hoppelhäschen und der Mann mit dem Regenschirm im Kopf in friedlicher Koexistenz. Und trotzdem verstört uns als Erwachsene die aufgeregte Lust unserer Kinder an Bildern, bei denen detailliert hinzuschauen wir uns selber manchmal zwingen müssen. Oder deren ästhetische Wucht selbst uns noch die Gänsehaut den Arm hochkriechen lässt. Das ist schade! Schauen wir hin, fragen wir unsere Kinder danach – oder lassen sie in ihrer aufgeregten Lust ganz bei sich. Beides ist in Ordnung. Ich würde mir für meine Kinder ganz viel Hoppelhäschen wünschen und weiß doch, dass das so nicht klappt. Sie hauen drauf und stecken ein, sie finden es toll, wenn man sich mal gegen jemanden zusammenschließen können, sind fies und spüren dann Macht, sie sind einsam. Manchmal bricht es ihnen das Herz, so dass sie tagelang nicht essen können. Und manchmal ist die Welt so wild und groß und wunderbar, dass man nur noch laut schreien kann.

    Autoren wie Ungerer, Sendak, Waechter und vielen anderen gehört mein Herz – denn sie haben Räume geschaffen, in die meine Kinder gehen können, um all diese Gefühle abzuladen. Wohlbehütet vor meinem elterlichen Zugriff.

    Von Edda Eckhardt

    Für zwölf Wochen sind Irina und Edda von der Textagentur Kessler & Eckhardt zu Gast bei den Buchpaten. Beide texten, lektorieren und bloggen was das Zeug hält unter: www.abenteuerspielplatz.agency.

     [:]

  • [:de]Was Leseförderung alles können soll[:]

    [:de]

    Leseförderung – klingt furchtbar sperrig und hat ein erklärtes Ziel: Kinder und Jugendliche zum Lesen zu bringen. Die Ansätze, die dahin führen, sind so unterschiedlich wie die Zielgruppen selbst. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Beispiel veranstaltet seit vielen Jahrzehnten den Vorlesewettbewerb, bei dem Kinder selbst zu Vorlesern werden. Das Erstaunliche daran ist, dass häufig auch Kinder gewinnen, die sich aus Büchern vorher nicht soviel gemacht hatten, dann aber feststellen, dass ihnen das Vorlesen sehr liegt.

    Nicht wenige Verlage haben Mitmachportale, bei denen Jugendliche gemeinsam mit Autoren an Texten schreiben. Es gibt Blogs, geschrieben von Jugendlichen für Jugendliche, oder Poetry-Slam-Workshops von Wortakrobaten wie Sven Kamin an deutschen Schulen.

    Die Buchpaten setzen früh beim Vorlesen im Elternhaus an und beziehen Eltern und Kinder gleichermaßen ein. Auch hier ist der Kernmoment des Ganzen, die Hauptakteure aktiv werden zu lassen, damit sie miteinander und mit den Büchern in Kontakt kommen. Je früher das im Leben von Kindern geschieht, desto besser – und wenn die Eltern mit im Boot sind, natürlich umso mehr. Nur so erfahren sie, was in Büchern drin ist und dass sie für jeden da sind.

    Darin liegt für mich das Grundverständnis von Leseförderung. Nicht so sehr in dem elitären Wunsch, dass am Ende alle mal Goethe oder Dürrenmatt gelesen haben sollten. Klar wäre es schön, wenn wir alle Hochliteratur genießen könnten. Tun wir aber nicht. Jeder hat andere Vorlieben, und ein zu großer Teil von Kindern und Jugendlichen hat nicht die nötige Textkompetenz, um Texte für sich zu nutzen. Dabei brauchen wir sie ständig, nicht nur zur Unterhaltung, sondern um Berufe zu lernen, uns weiterzubilden und im Leben zurecht zu kommen. Wir brauchen die Kompetenz, nicht nur einzelne Worte lesen zu können, sondern uns den gesamten Text zu erschließen, ihn schnell auf Informationen zu scannen und Schlussfolgerungen aus ihm zu ziehen. Die erhalten wir am besten, indem wir lesen oder Sprache benutzen.

    Gelungene Leseförderung besteht für mich darin, Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass Texte etwas mit ihnen zu tun haben. Sie müssen nur die richtigen für sich finden. Das ist ein ganz zentraler Punkt. Das muss nicht unbedingt Literatur sein, sondern auch Zeitschriften, Fußballbücher, Sachbücher oder Gebrauchsanweisungen tun es. Denn je mehr wir überhaupt lesen, desto besser können wir es und desto öfter greifen wir auf Textmedien zurück.

    Von Erwachsenen, die ungern lesen, höre ich oft, dass sie hohe Ansprüche an sich haben. Manche versuchen, jeden einzelnen Satz eines Buches genau aufzunehmen. Andere behandeln Bücher wie Heiligtümer und halten es für ein Sakrileg, Seiten zu knicken. Vor lauter Hochachtung benutzen sie sie gar nicht. Wieder andere erwarten von sich, alle Beschreibungen detailgenau vor ihrem geistigen Auge zu sehen.

    All das kann man natürlich machen und es mag innerliche Aufschreie geben, wenn ich mich hier für das Knicken von Buchseiten ausspreche. Was ich aber meine, ist, dass jeder die Bücher finden sollte, die zu ihm passen und für sich entscheiden sollte, wie er sie nutzen möchte. Es sind Gebrauchsgegenstände, sie wurden auf Papier gedruckt, damit wir sie lesen. Gern gelesene Bücher zerfleddern, das ist wie mit der Lieblingshose. Es gibt keine Textpolizei, die prüft, ob man sich das Zimmer, das der Autor beschreibt, richtig vorstellt. Man kann Bücher schnell lesen oder langsam, es gibt unterhaltende und schwer verdauliche Texte. Und es gibt durchaus Streit darüber, was ein gutes Buch ist und was nicht – sogar in der Nobelpreiskommission. Darüber darf gern gesprochen werden – in der Leseförderung und auch zu Hause, mit dem Papa, auf dem Sofa, über seinen Lieblingstext.

    Text: Irina Kessler

    Für zwölf Wochen sind Irina und Edda von der Textagentur Kessler & Eckhardt zu Gast bei den Buchpaten. Beide texten, lektorieren und bloggen was das Zeug hält unter: www.abenteuerspielplatz.agency.

     [:]

  • [:de]SAP Schweiz und Die Buchpaten engagieren sich gemeinsam[:]

    [:de]SAP Schweiz und Die Buchpaten engagieren sich gemeinsam[:]

    [:de]Jedes Jahr ermöglicht die SAP Schweiz ihren Mitarbeitern, sich für eine gemeinnützige Sache zu engagieren. An ihrem Volunteers Day werden die Mitarbeiter freigestellt und leisten gemeinnützige Arbeit. Dieses Mal haben wir, gemeinsam mit einigen SAP Mitarbeitern und dem Gemeinschaftszentrum Roos in Regensdorf, einen Vorlesenachmittag veranstaltet. Die SAP hatte intern zu einer Bücherabgabe aufgerufen. Viele Bilderbücher, aber auch Romane für Jugendliche, Comics und Märchen wurden gespendet. Auf mehreren Tischen bot sich eine reiche Auslage der gespendeten Bücher im Großen Saal des Gemeinschaftszentrums Roos. Die Buchpaten haben zwei Lesungen angeboten. Die Eltern und Kindern waren begeistert und blieben nach den Lesungen noch lange, aßen und tranken vom Buffet, das von der SAP spendiert wurde und gingen, bepackt mit Büchern, zufrieden nach Hause. Es war ein gelungener Nachmittag! Ein herzliches Dankeschön an die SAP Schweiz, für ihr Engagement und ihre großzügige Unterstützung der Buchpaten.[:]

  • [:de]Buchpatenlesung in Hirzenbach, Zürich, November 2015[:en]Participation Reading in Hirzenbach, Zurich, November 2015[:]

    [:de]Buchpatenlesung in Hirzenbach, Zürich, November 2015[:en]Participation Reading in Hirzenbach, Zurich, November 2015[:]

    [:de]Sehr herzlich wurde ich von Ingrid Hirni vom Kindergarten in Hirzenbach in Zürich begrüßt.Und dann ging es auch bald los: 35 neugierige Kinder und ihre Eltern saßen vor mir. Ich erzählte die Geschichte „Schneebären lügen nie“ von SAID, illustriert von Marine Ludin.

    „Habt ihr schon mal gelogen?“, fragte ich die Kinder zu Beginn der Lesung. Ein kollektives Nein war die Antwort. „Also ich habe schon mal gelogen, ein paar Mal sogar“, sagte ich. Daraufhin kamen ein paar ehrliche Jasager zu Tage. Und schon waren wir mittendrin in der Geschichte. Kinder sind ein dankbares wie anspruchsvolles Publikum. Bei ihnen gibt es keine gespielte Aufmerksamkeit, kein höfliches und gelangweiltes Durchhalten beim Zuhören einer schlecht erzählten Geschichte. Noch nicht einmal ein unterdrücktes Gähnen. Wenn du sie langweilst, bekommst du es ziemlich schnell mit, durch lautstarke Gespräche mit dem Nachbarn, Gähnen mit oder ohne Hand vor den Mund und vieles mehr.

    Ich muss zu 100% präsent sein, damit der Funke überspringt. Wenn du Kinder begeistern kannst, dann sind sie das tollste Publikum. Totales Mitgehen mit der Geschichte, blitzschnelle Antworten auf Fragen, ganzer Körpereinsatz, wenn es spannend wird. Wer das ein paar Mal erlebt hat und dann mal wieder für Erwachsene liest, ertappt sich vielleicht während einer Lesung bei dem Gedanken: „Wieso bewegen die sich nicht?, mein Protagonist besteigt doch grade ein sinkendes Schiff!“. Oder „Wieso ruft hier niemand rein, wenn sie doch die Lösung längst kennen?“ Vor jeder Lesung versuche ich mich zu sammeln, zur Ruhe zu kommen, den Raum mit Anwesenheit zu füllen und einen Raum für die Geschichte zu schaffen. Ist mir das gelungen, dann verlasse ich diesen Raum glücklich. Das ist das Glück des Geschichtenerzählers.

    Kristina Lemke, DIE BUCHPATEN

     

     [:en]I was warmly welcomed by Ingrid Hirni from the kindergarten in Hirzenbach , Zurich. And then it already started: 35 curious children and their parents sat in front of me. I told the story „Snowbears never lie“ by SAID, illustrated by Marine Ludin.

    „Have you ever lied?“, I asked the children at the start of the participation reading. One big „No!“ came back. „Well, I’ve lied before, even a couple of times“, I said. That was when a couple of truthful yeasayers appeared in the crowd. And all of a sudden, we found ourselves in the middle of the story. Children are a very thankful as well as challenging audience. They cannot fake attention. If a story is badly told, children will not politely hang on. They will not even keep their yawns to themselves. When one bores children, one will feel it instantaneously thanks to their audible discussions with each other and other noisy behaviour.

    I must be present 100% of the time in order that my fascination spark their own. If one can enthuse children, they turn out to be the greatest audience. A complete absorption into the story, answers to one’s question at lightning speed, their whole body reacts when the story gets exciting. Whenever one has read a couple of times for children and then again for adults, one will soon think during the storytelling: „Why aren’t they moving? My protagonist is just climbing on board of a sinking ship!“ or „Why isn’t anyone hollering the answer if they already know it?“ Before each participation reading I try to gather myself, get calm, fill the room with my presence and create an environment in which the story may flourish. And when I accomplish that, I leave the room overjoyed. Such is the fortune of a storyteller.

    Kristina Lemke, DIE BUCHPATEN

     

     [:]